Alois Eder: «Sendungsbewusst», 2004

Rezension (2004) des “Denkmals für Johannes XXIII. (Vergessener Gesandter)”, erschienen in limes, St. Pölten, Dez. 2004

Im Salzburger Otto-Müller-Verlag ist mit ‘Literatur und Kritik’ eine Zeitschrift zuhause, die sich unter ihrem Redakteur Karl Markus Gauss mit den im Titel genannten praxis-fremden Gegenständen nicht zufrieden gibt. Die neueste Stimmung im Westen behandelt die Schreiberei nicht als Glasperlenspiel, sondern – endlich wieder? – als Kommunikationsakt über nützliche Dinge, und zwar nicht nur, wenn Gauss europäischen Minderheiten zu neuer Publizität verhilft oder den Hundeessern von Swinia zu Gerechtigkeit. Literatur will wieder was bewegen, und das gilt auch für seinen Beiträger Willibald Feinig (im Mai-Heft 2004 über die BEA Liebenau, neben den St. Pöltnern Christiane Pabst und Manfred Wieninger über den Feldwebel Anton Schmid, der in Wilna Juden vor dem Holocaust bewahrt hat.)

Der Wahl-Vorarlberger Feinig ist auch sonst in der Literatur und in Niederösterreich kein Unbekannter, etwa hat Richard Pils 1997 in seiner Bibliothek der Provinz den Prosaband ‘Bagatellen’ herausgebracht und ihn mehrmals auf Burg Raabs beim sommerlichen Poetenfest vorgestellt. Als Essayist hat er für den Böhlau-Verlag in dem Band ‘Vernähte Zeit’ die Bosna-Quilt-Produktion seiner Gattin Lucia Feinig-Giesinger kommentiert. Und nun wieder ein Bändchen aus dem Zwischen-Genre. Am Ende steht sein Vortrag über Dinge, die jeder kennt, nämlich übers Zweite Vatikanische Konzil und das unter dem Roncalli-Papst längst fällig gewordene Aggiornamento. Ein ganz so vergessener Gesandter kann Johannes XXIII. also gar nicht sein, den ja heute noch katholische Gruppen, die sich der katholischen Erneuerungsbewegung nicht immer verpflichtet fühlen, im Wappen führen. Und das ganz unabhängig von der Seligsprechung unter seinem heutigen Nachfolger Karol Woityla, der die schiere Menge der Seligen, wie Feinig richtig in der Fussnote (S. 6) bemerkt, allen Signalcharakter benommen hat; als wäre Johannes XXIII. eben nur einer unter vielen.

Das Vademekum, mit dem der Salzburger Verlag an ihn nun erinnert, besteht aus einer Collage: Zitate über und von ihm, gemischt mit weiterführenden Bemerkungen und Nikolaus Walters Fotos aus seinem Heimatort Sotto il Monte bei Bergamo.

Nicht die pure Erinnerung an den Konzilspapst, sondern sein Stellenwert in der Kirchengeschichte seither sind dabei das Anliegen: und eigentlich könnte man dem Bändchen noch am ehesten gerecht werden, wenn man an seiner Stelle den Papst aus Polen rezensierte, für dessen Würdigung es eine notwendige Folie abgibt und beim Zwischen-den-Zeilen-Leser die Frage aufwirft, wie hat es nach so einem Aufbruch zu einem doch merklichen Stillstand kommen können?

Es geht nicht um eine enzyklopädische Aufarbeitung einer Biographie oder der Konzils-Dokumente, es geht um den Geist, der lebendig macht, während der Buchstabe töten kann. Der zeigt sich etwa in Sentenzen wie den folgenden: dass Glaube Prozess und nicht System ist, oder christliches Leben Horizonterweiterung, dass das Konzil die Überwindung des Klerikalismus (S.108) gebracht habe. Und unausgesprochen auch darum, dass dieser inzwischen fröhliche Urstände feiert, freilich durch die Knappheit der Priesterberufe im Westen, die sich dem polnischen Blick auf die Kirchendinge entzogen, angekränkelt.

Offenbar eignete dem nord-italienischen Bauernsohn ein grösserer Realitätssinn als dem Schöngeist aus Wadowice. Für seine Offenheit war es dem in östliche Nuntiaturen abgeschobenen, des Modernismus verdächtigen Bischofssekretär und Redakteur des Bergamasker Diözesanblatts beispielsweise sicher dienlich, dass er etwa am Bosporus keine Soutane tragen durfte. Im Schnellvergleich der sich ergebenden Optik: Karol Woytila durfte das in Volkspolen sehr wohl, wurde aber vielleicht gerade deshalb dort wie im Ghetto gehalten. Scheuklappen, die man ihn als Drachentöter am Weltkommunismus auch in Rom nicht ablegen liess, und umso weniger, als er für seine Papstreisen auf genau die westlichen Medien angewiesen blieb, die für Differenziertes kein Sensorium haben.

Der Bauernsohn aus Sotto il Monte scheint für seine Wirkung keiner Vermittlungsagentur zu bedürfen, und auch ohne die Christenheit aufwendig zu bereisen, ist sein Segen überall hingedrungen. Und so ist Johannes XXIII. trotz eines fälschlich als Unterwerfung unters Heute verdächtigten Aggiornamento über den Dingen gestanden, während Johannes Paul II. schon von seinem Ausgangspunkt seinen Frieden mit dem zur Globalisierung tendierenden westlichen System gemacht hat, ohne dass seine Distanzierungen ex post noch viel Wirkung zeigen könnten….