Brigitta Soraperra: «Leitlinien gegen Unordnung», 2024
Erschienen in marie - Die Vorarlberger Straßenzeitung, Hohenems, Juni 2024
«Ich komme aus Innerkärnten, dem Nazikärnten», meint Willibald Feinig gleich zu Beginn des Gesprächs, «dort gab es schon Anfang der 1930er-Jahre stolze Nazis.» Man sei geschichtlich bedingt gegen alles Wienerische, alles Katholische und alles Slowenische gewesen. «Eine einzige Tragödie», sagt Feinig, das Dorf, aus dem ich komme, heißt Tschwarzen, was Slowenisch ist und zwei Höfe bedeutet, aber ich habe in meinem ganzen Leben in Kärnten nie ein Wort Slowenisch gehört.» Im Zuge des Zweiten Weltkriegs seien die slowenischsprachigen Bauern, die an ihrer Muttersprache festhielten, enteignet worden und in eine Art Sonder-KZ gekommen. In Südkärnten habe es allerdings auch den einzigen bewaffneten Widerstand gegen das NS-Regime gegeben: «Die Schriftstellerin Maja Haderlap ist Nachkommin eines Widerstandskämpfers und erzählt davon.»
Willibald Feinig wurde 1951 als erster von zwei Söhnen in eine Bauernfamilie hineingeboren. «Ich war so froh, dass meine Mutter unbedingt wollte, dass der Bub lernen kann», erzählt er, denn die Eltern waren Landwirte, «aber noch ohne Maschinen und schon ohne Knechte und Mägde, es war eine Schinderei.» Mit zehn Jahren kommt ‹der Bub› ins ferne Graz (damals mehr als 300 Kilometer per Zug) in ein Bundesinternat, «dort nahm man vor allem Kinder auf, die begabt waren, aber arm und weit weg vom nächsten Gymnasium. Ein Privileg.» Ein Jahr später stirbt der Vater an Krebs, ein heftiger Einschnitt für den Elfjährigen: «Meinen Vater habe ich sehr gemocht, alle haben ihn gemocht, seine Frau vielleicht am wenigsten», verrät Feinig. Dem Mann sei Vieles nicht so wichtig gewesen, im Unterschied zur stets ehrgeizigen Mutter. «Das hatte wohl mit seinen schlimmen Kriegserfahrungen zu tun», vermutet Willibald Feinig, der ein Kriegstagebuch seines Vaters später in einer Art Roman verarbeitet hat. «Aber ohne die tatkräftige Mutter wäre der Hof, der gleich nach dem Tod des Vaters verpachtet wurde, sicher nicht erhalten geblieben.»
Der junge, musisch begabte Willibald hatte Glück. Die Schule, die er besuchen durfte, war eine der einst von Otto Glöckel gegründeten Reformschulen. Glöckel, «der Montessori von Österreich, ein Sozialdemokrat», entwickelte nach dem Ende der Monarchie eine neue Form von Schule in alten Gemäuern: Die Matura fiel ursprünglich mit einem Lehrabschluss zusammen. Auch wenn davon in den 1960er-Jahren keine Rede mehr war, gab es viele Entfaltungsmöglichkeiten neben dem traditionellen Unterricht. «Zum Beispiel lag ein Akzent auf Musik und Zeichnen. Einziger Nachteil: Man musste sich zwischen beiden entscheiden», erzählt Feinig, «darum bin ich ein Zeichner.» Aber auch das Schreiben war ihm schon früh ein Ankerpunkt: «Ich habe schon als Zehnjähriger gemerkt, ich kann etwas treffen, wenn ich schreibe. Es diente aber auch dem Stressabbau und als Fluchtweg», ergänzt er und weist auf einen weiteren roten Faden in seinem Leben hin: Das Thema der Überforderung. «Als Kind merkt man es nicht. Aber es gab die Überforderung mit dem Bauernhof; nach der Matura ging sie weiter.» Er habe in Wien Französisch und Deutsch studiert, «ohne jede Fantasie, einfach, weil es die Fächer zweier Lieblingslehrer waren». Seine Mutter hätte lieber gehabt, er werde gleich Volksschullehrer. Dazu kam die erste Freundin, nach acht Jahren Bubeninternat. Und es waren die rebellischen 68er-Jahre. Ein Auslandstrimester im Rahmen der Schulpartnerschaft in Paris tat das Seinige dazu, dass Willibald Feinig nicht nur bis heute mit der französischen Sprache tief verbunden ist, sondern sein kritischer Geist endgültig wachgerüttelt wurde.
Obwohl er damals nicht viel studiert habe, schloss er das Lehramtsstudium erfolgreich ab. Aus der Bahn – in eine neue Überforderung – warf ihn dann die Trennung von seiner ersten großen Liebe. Halt fand er, selbst für ihn völlig unerwartet, durch den Eintritt in einen katholischen Orden. «Ich hatte schon in Paris als Religionslehrer einen Jesuiten, der die Bedeutung des (Zweiten Vatikanischen) Konzils erklärte. Der hat mich beeindruckt», erzählt Feinig, und «ich war ja eigentlich auch katholisch sozialisiert, Ministrant, mochte das Sinnliche, den Weihrauch, das Latein, die Glocken. Auch wenn ich es zeitweilig vergessen hatte, meine Großmutter hatte mir als Kind die Kirche schmackhaft gemacht, sehr zur Verachtung mancher Verwandter.» Willibald Feinig lernte Kremsmünster kennen, ein altes Benediktinerkloster in Oberösterreich, 777 gegründet. «Ich bin als Student öfter hingefahren, schließlich eingetreten. Es gab eine klare Tagesstruktur und Arbeit in Fülle, im Obstgarten, bei der Altenbetreuung, als Übersetzer, beim Studium der Ordensgeschichte, ich lernte Griechisch und konnte mich mit der Kunstsammlung auseinandersetzen.» Nach einem Jahr Noviziat wurde der Frater zum Theologiestudium nach Salzburg geschickt. «Ich habe mir vorgestellt, dass ich in Kremsmünster einmal mit den alten Codices zu tun haben und viel in der Bibliothek sein werde.» Von Demütigung und schwerem Missbrauch im nahen Internat habe er – von außen gekommen – keine Ahnung gehabt.
Das Schicksal hatte andere Pläne für ihn. Beim Studium in Salzburg Iernte er die Vorarlbergerin Lucia Giesinger kennen, die Religion und Bildnerische Erziehung belegte. Sie verliebten sich, Feinig trat aus dem Kloster aus, die beiden heirateten, zogen nach Vorarlberg und gründeten eine Familie. Um diese zu ernähren, wird er Lehrer für Deutsch und Französisch am BRG Dornbirn-Schoren, wo er bis zu seiner Pensionierung bleibt. «Ich bin großteils gerne Lehrer gewesen, als Lehrer gefühlt habe ich mich aber nie», bekennt er heute. Über seine Frau, die Künstlerin ist und nach dem ersten Jugoslawienkrieg das bekannte Bosna Quilt-Projekt aufbaute, wird Willibald Feinig Teil der Vorarlberger Kunstszene. Jahrelang ist er neben seiner Lehrertätigkeit Redakteur, schreibt auch für das Feuilleton einer Tageszeitung und veröffentlicht Kunst-Publikationen. Gerne habe er das alles gemacht, sagt der Autor, aber doch auch stets mit dem Gefühl von Überforderung, «zwei Hauptfächer, das bedeutet ununterbrochen korrigieren». Hinzu kamen Theaterprojekte, Filme und eine Schulzeitung, die er mit Schülerinnen realisierte. Das Familienleben litt, die kirchliche Entwicklung bereitete ihm Sorgen, dann kam noch die Mitarbeit bei den Bosna Quilts dazu: «Es gab für mich keine andere Möglichkeit, als dauernd Sachen am Rand des Üblichen zu machen.»
Einen tiefen Einschnitt bildete die Trennung von seiner ersten Ehefrau um das Jahr 2010. «Um die Scheidung zu überwinden, bin ich oft nach Frankreich gefahren.» Willibald Feinig findet Trost in der französischen Sprache, nimmt das eigene Schreiben, die Lyrik wieder auf. «Gedichte sind Leitlinien gegen Unordnung», sagt er, und: «Gedichte zwingen einen, alles als Jetzt zu nehmen.» Die schriftstellerische Arbeit dient ihm aber nicht nur zur Verarbeitung von Individuellem, Feinig erhebt auch den Anspruch auf Allgemeingültigkeit: «Ich bin ein permanenter Überarbeiter, manche Gedichte habe ich überarbeitet, bis nur noch Skelette blieben.» Ein hilfreiches Korrektiv für ihn bildet dabei das Schreiben auf Französisch und die Übersetzung. «Es heißt seit der Romantik, ein wirkliches Gedicht lässt sich nicht übersetzen. Ich bin vom Gegenteil überzeugt: Was sich nicht übersetzen lässt, ist nichts wert.» Und ganz wesentlich ist ihm auch die Arbeit mit dem Gestalter seiner Bücher. Seit ein paar Jahren hat Sohn Laurenz Feinig diese Aufgabe übernommen. «Im Dialog werden die Texte besser» ist Willibald Feinig überzeugt, «auch wenn es manchmal weh tut, sich von Liebgewordenem zu trennen. Laurenz und andere, ein ehemaliger Kollege, gebürtiger Franzose, zum Beispiel, helfen mir, die Spreu vom Weizen zu trennen.»
Womit wir beim aktuellen Buch angekommen sind. Land und Gedenken | Pays et Mémoriaux lautet der Titel, und hier schließt sich ein Kreis. «Die Welt ist auch in der Überforderung, nicht nur ich bin es», konstatiert Willibald Feinig, und: «Meine Gedichte sollen Denkmäler sein» – Denkmäler für Menschen, die dieser Überforderung etwas entgegensetzen. Der Autor hat von jeher seine Stimme erhoben, ein Großteil seiner Texte ist hoch politisch. Als Russland den Angriffskrieg auf die Ukraine eröffnete, schrieb Feinig einen Offenen Brief an Vladimir Putin, den er in den Kreml, aber auch an verschiedene Medien schickte. Auch im Sammelband mit Gedichten aus fünfzig Jahren findet sich neben Alltagsgedichten, Minneliedern, Bildbeschreibungen oder «Unmärchen» auch gesellschaftspolitisch Brisantes: Gedichte über die englische Politikerin Jo Cox, die 2016 ermordet wurde, «weil sie gegen den Rückfall in den gewohnten Nationalismus, sprich Brexit, kämpfte», oder über die russische Investigativjournalistin Irina Slawina, die sich nach jahrelangen Schikanen durch den russischen Geheimdienst 2020 öffentlich verbrannte. «Die beiden sind Märtyrerinnen der Demokratie», sagt Feinig, «in den Gedichten geht es um das Gedenken an Menschen, die im wahrsten Sinne des Wortes politisch waren.»