Wendelin Schmidt-Dengler: «Ein schönes Buch», 1999

Rede zur Präsentation von Vernähte Zeit. Die Bosna Quilt Werkstatt in der Österreichischen Nationalbibliothek am 04.11.1999 Gekürzt erschienen in Zeitschrift für Kultur und Gesellschaft, Dornbirn, 10/1999

Es ist für mich eine außerordentliche Ehre, bei der Präsentation dieses Buches dabei sein zu dürfen. «Es wird ein schönes Buch», schrieb mir Willibald Feinig, den ich nun schon fast an die dreißig Jahre kenne, damals als einen studentenbewegten Studenten, der aber von den anderen, die auf der Suche nach schnellen politischen Lösungen waren, sich dadurch unterschied, daß er den Phänomen auf den Grund gehen und die Wahrheit hinter den Dingen suchen wollte. So kollationierte er geduldig den von theologischen Ambitionen durchtränkten Doderer, und das dürfte bis zum heutigen Tage nicht folgenlos geblieben sein: Die Art das Fragens nach den Dingen vor ihrem theologischen Hintergrund ist ja nicht nur ein Spiel verlorener Esoteriker, sondern hat sehr wohl ein fundamentum in re.

«Es wird ein schönes Buch», schrieb mir Feinig, und es ist in der Tat ein außerordentliches Buch geworden, was seine Frau Lucia Feinig-Giesinger, der Photograph Nikolaus Walter und er hergestellt. Es ist singulär in der Verquickung von Bild –Bildern unterschiedlicher Art: dokumentarische und künstlerische Photos, Reproduktionen der Bosna Quilts – und literarischem Text, der in sich wieder viele Möglichkeiten der Textur anbietet: Da ist der sachlich nüchterne Gebrauchstext, der erzählt und informiert, über die Geschichte Bosniens, über den Bosna Quilt und seine komplexe Geschichte, der von einer Reise nach Bosnien berichtet im Jahre 1998, ein Reisebericht, geschrieben mit dem bangen Organ des Appercipierenden, der auf der Hut ist und den richtigen Tonfall treffen muß, fern von Anbiederung ans Exotische und fern von der Überheblichkeit des Touristen aus den Ländern, in denen es besser zu sein scheint. Da gibt es die Dokumentation, die in nüchternen Daten vom Schicksal bosnischer Frauen erzählt, Jahrgang 1939 bis 1967 – eine ganze Generation, in deren Leben dieser Krieg die Zäsur schlechthin bedeutet – eine nüchterne Geschichte von Vertreibung und Not, schmucklos und eindringlich vorgebracht. Da gibt es das Interview, das Authentizität gewährleistet.

Mit diesem vergleichsweise kurzen Text hat Willibald Feinig sehr schön gezeigt, wie Literatur in diesen Zonen der Bedrohung funktionieren kann, wie es möglich ist, ohne in den saloppen Ton des Reisefeuilletons zu verfallen oder dem Sensationsjournalismus dienlich zu werden, vor etwas erst jüngst Vergangenem zu berichten. Einige Texte nähern sich den Gegenständen behutsam, nicht emphatisch und – wie man in Wien sagen würde – «anlassig». Hier spricht einer, der sich bewußt ist, wie mit einer so heiklen Materie umzugehen ist.

Bosna Quilt, ca. 1999

Ich habe bis jetzt über die Texte gesprochen – wer die Bilder, die schönen Reproduktionen sieht, dem wird das zur Evidenz kommen, und meine Worte reichen nicht hin, um die Eindrücke, die aus diesen Bildern gewonnen habe, zu beschreiben: Da mag man über die Farben, die Konstellationen der Flächen, das Ineinander staunen – selten wird man etwas so in sich Geschlossenes und Überzeugendes vorfinden.

Noch etwas: der geglückte Titel Vernähte Zeit bezieht eben beides ein: Das Gewebe des Textes und das Textile an den Bosna Quilts. Beides sind Ausdruck desselben, einmal in der Sprache mit ihrer Materie, den Lauten und Buchstaben, und einmal mit der Materie des Stoffes und der Farbe. Selten wird die Nähe von Text und Gewebe so sinnfällig, so anschaulich wie in diesen Gebilden.

Foto: Nikolaus Walter

«Es wird ein schönes Buch» schrieb Willibald Feinig, und es wäre nun der letzte Einwand auszuräumen: Wieso ein so schönes Buch angesichts einer solchen Katastrophe? Ich meine, daß hier etwas Wichtiges geschieht: Zunächst wird mit dem Bosna Quilt etwas vorgestellt, das der Zerstörung anheimfallen würde, sei es in der Zeit der Nazis, der kommunistischen Herrschaft, der Bedrohung durch die serbische Miliz, und nun auch durch die Kraft der Konsumindustrie. Gabe es nicht diese Mühe um das Feine und Besondere, auch jenseits aller Folklore, mag die Wurzel noch so sehr folkloristisch bestimmt sein: Diese Kunst manifestiert künstlerische Arbeit aus der Region, jenseits aller Volkstümlichkeit. Und wenn es ein «schönes Buch» geworden ist, so deshalb, weil sich das schöne Buch als das Mittel erweist, um Respekt vor dieser Kunstarbeit auszudrücken. Bosna Quilts in Bild und Text ist ein hervorragendes Reispiel des ästhetischen Widerstands.